Asheras midsummer

Sie stehen im Nebel der über dem Tal liegenden Dämmerung im Kreis. Nichts bewegt sich, bis auf der einen langen flatternden Haare im leichten Wind und der anderen Kleid, dessen Stoff leichte Wellen kräuselt. Sie halten sich stumm an den Händen und scheinen zu lauschen. Worauf lässt sich nicht ausmachen, liegt doch eine schier atemlose Ruhe über der Szenerie.

Eine Stille, die sich durch nichts stören lassen wird, wie es scheint. Eingemeißelte Frauen, einig in ihrem Nichtstun. Und doch ist mehr Leben in dieser Gesellschaft, als in jedem anderen bunten Treiben, welches sich mir jemals bot. Mehr als 100 Meter entfernt spüre ich ihn immer noch, den vor Lebendigkeit vibrierenden Frieden dieser Runde.

 

Bin Beobachterin und werde doch hineingezogen in die Magie des Augenblicks, der sich bereits über einen längeren Zeitraum erstreckt – in der sie langsam aus allen Himmelsrichtungen aufeinanderzuschritten, wie von einem unsichtbaren Band zusammengeführt. Schritt für Schritt näherte sich jede Einzelne mit dem gleichen unwiderstehlichem Drang auf ihre Schwestern zu. Auf das Zentrum des sich dadurch langsam bildenden Kreises hin, und Schritt für Schritt wirkte es auf mich, als nähmen sie als Ziel ihre eigene innere Mitte ins Visier. 

Sich miteinander jeweils Schulter an Schulter verbündend, blieben alle gleichzeitig stehen. Der Kreis geschlossen. Nicht Eine, die keinen Platz gefunden hätte, nicht Eine, die außen vor geblieben wäre, eine perfekte Anzahl Frauen, in perfekter Formation, in einem perfekten geometrischen Gebilde – unbeweglich.

 

Die Minuten verrinnen oder gar die Stunden? Ist dies wichtig? Spielt die Wahrnehmung von Zeit überhaupt noch eine Rolle? Geht es nicht mehr nur noch um die Wahrnehmung dieses Gesamtkunstwerkes, der Aura dieser Frauen, die in ihrer großen Anzahl doch eine Aura der Einheit verströmen? Nicht der Einheitlichkeit, denn es sind Individuen, kostbare Seelen, einzigartig in Wesen und Gestalt, voll innerer wie reich an äußerer Schönheit, doch einig in ihrem Ansinnen, welches sie hierher geführt hat, an jenen Ort.

 

An jenen Ort, der mich als Kind schon magisch angezogen hatte, und von dem ich mich doch immer fern halten musste. Von dem ich von meiner Großmutter wusste, mit dem sie mich umwob, wenn ich spielend zu ihren Füßen saß, während sie des Abends sponn und den mir meine Mutter bei Tageslicht aus dem Kopf zu schlagen pflegte, da er nicht mal tauge, für der Schafe Weideplatz.

Tote unfruchtbare Erde sei dies, voll dürren Grases und ausgedörrtem Boden. Doch warum hielten sich dann immer Tiere dort auf, wenn ich mich als Heranwachsende immer öfter hinschlich, um ihn einfach nur in mich aufzusaugen, diesen Ort....

 

Doch warum hielten sich dann immer Tiere dort auf, wenn ich mich einmal mehr hinschlich, um ihn einfach nur in mich aufzusaugen... diesen jenseitigen Ort.

 

Warum hörte ich ihn, mit geschlossenen Augen, als er zu mir sprach und das Innerste meiner Seele berührte, an dem Tag, als ich 12 Jahre alt wurde. Keine murmelnden realen Worte, sondern ein Flüstern in meinen Eingeweiden, welches sich derart durch meinen Körper wand, dass ich ob dieses unbeschreiblichen Gefühls erschrocken die Augen aufriss und zu laufen begann.

 

In die völlig falsche Richtung, weg von zu Hause statt hin zu meinem Heim, zu meines Mutters Rockzipfel – rannte ich immer schneller, als sei der Teufel selber hinter mir her, als griff er nach meinem Kragen, riss an meiner Haube und nähm mir bereits meine Jungfräulichkeit – mit diesem einen Ton, der sich da immer noch in meinem Magen wand, obgleich ich so schnell lief, dass mir die Lunge bald zu platzen schien. Als ich nur noch das Pulsieren und Hämmern meines Blutes im Ohr hatte, war die Stimme plötzlich verstummt. Ich konnte jedoch immer noch nicht stehen bleiben, lief weiter, kopf- und ziellos und beendete mein aberwitziges Unterfangen, vor dem Teufel Reissaus zu nehmen, erst, als mir meine Beine den Dienst versagten und ich schweißnass und kreidebleich umfiel. Starke Arme umfingen mich ein wenig später, hoben mich auf, trugen mich von jenem Ort noch weiter weg, den ich seitdem nie wieder sah...

Bis zum heutigen Abend. Heute erwachsen. Heute wissend, dass des Teufels Arm nicht aus der Hölle heraus reicht. Und seine Stimme zu schwach, um in meine Welt zu sprechen. Wohl wissend, dass all das Erlebte nur der Einbildung eines kleinen 12 jährigen Mädchens entsprang, die von jenem Tage an nie wieder zu den Füßen ihrer Großmutter knien wollte, die sich ihrem Einfluss ängstlich entzog, worauf diese an gebrochenem Herzen alsbald verstarb.

„Vertraue deiner inneren Stimme mein Kind“, waren ihre letzten Worte an mich und die meinen an sie waren eine Lüge, denn ich versprach es ihr im gleichen Moment, da ich meine innere Stimme zum Teufel wünschte. Wo sie wohl auch hinging, denn ich hörte sie 4 Jahre nicht mehr, bis heute... Bis zu diesem magischen Moment, der mich bereits jetzt in seinen Bann zog, lange bevor er seine wirkliche Kraft erst noch entfalten sollte.

 

„Kraft“ – genau das ist es was ich empfinde, mit Blick auf die Gestalten in ihren Gewändern – die sich nun immer mehr bewegten, obgleich der Wind nicht stärker geworden zu sein schien. Die Röcke schwingen hin und her, alle im gleichen Takt – während die Körper, die sie tragen weiter unbeweglich verharren. In dem Moment, da die Sonne gänzlich hinter dem Hügel verschwindet und der Mond zwar zu ahnen, aber noch hinter Wolken verdeckt bleibt, heben alle Frauen gleichzeitig ihre Arme und strecken ihre Häupter gen Himmel. In faszinierender, perfekter Symmetrie schauen sie nach oben, als erwarteten sie eines Himmelszauber Ankunft.

 

Ich muss mich zwingen, all meine Energie aufbringen, es ihnen nicht gleich zu tun. Weiter das zu tun, weshalb ich hier bin: beobachten und doch schon jetzt zu wissen, dass ich bereits mit ihnen verschmolzen bin. Bereits jetzt einen Schmerz in meinen Eingeweiden spüre, nicht Teil dieses Kreises sein zu dürfen, der über den, der damals fast geborstenen Lungen, weit hinaus geht.

 

Doch bei allem Schmerz weiß ich, dass ich mich verbinden werde, wenn die Zeit reif ist, weiß, dass meine Aufgabe bereits jetzt eine andere ist, als man mir hier zugedacht hat, weiß, dass ich zwar Beobachterin bin und jedes Detail aufschreiben werde, doch gleichzeitig die Hüterin eines Schatzes, der nicht gehoben werden will, nicht gehoben werden darf... wie er Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende im Verborgenen all jene Frauen reich beschenkt, die das Besondere in sich gespürt haben, von Kindesbeinen an und die nicht wegliefen, so wie ich, die sich fügten in ihr Schicksal. Ein Schatz, so unerschöpflich, wie es nur ein Wissensschatz sein kann.

 

Und so sehe ich genau hin, als die Kleider der Weiber zu sich um ihre Körper routierenden Säulen werden, die sich langsam aber kontinuierlich weiter winden, hinauf an ihren Beinen, diese frei legen, über ihre Hüften und ihrer Gesichter Antlitze, diese kurz verdecken, um sich dann über ihre ausgestreckten Arme wie es scheint „ihrer“ Körper zu entledigen und alsdann als leblose Hülle gen Boden zu fallen. Hinein in den Kreis derer, die nun gänzlich unbekleidet und vollkommen nackt im Kreis stehen, der plötzlich kein vollkommener Kreis mehr ist. Indem sich eine Lücke aufgetan hat. Groß genug einer weiteren nackten Frau Platz zu bieten, die nun wie selbstverständlich auf den Platz an der Seite ihrer Schwestern zuschreitet, die Lücke füllt und die ihr dargebotenen Hände links und rechts ergreift, sie dann wieder los und sich mühelos mitziehen lässt in einen Tanz rund herum um ein Feuer, so hoch wie der Kirchturm des Dorfes, so prasselnd und Funken sprühend, so Licht – und wohlige Wärme spendend, dass man sich nicht fragen muss, wo es plötzlich her kam, denn ein solches Feuer konnte nur entweder vom Himmel fallen oder von der Hölle selber geboren werden...

 

 

 

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WEBSITE BOOSTING Nr. 07-08/2018  - Seite 78

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