Barry und das Wunder des Tannenbaums

Barry und das Wunder des Weihnachtsbaums

Aha, endlich geht es raus. Wurde aber auch Zeit. Meine Güte, was sind heute alle merkwürdig. Ich glaube fast, meine Familie dreht durch. Wirklich! Ich hingegen mache nichts anders, als sonst. Liege friedlich auf meiner Decke und döse vor mich hin. Klappt aber nicht so recht, weil alle wie aufgescheucht durch die Gegend huschen. Aber jetzt scheint sich Herrchen endlich an mich zu erinnern, es geht nach draußen. Oh je, wir steigen ins Auto. Warum nur, der Wald ist doch um die Ecke?

Die Fahrt dauert nicht lange, und wir kommen an einen Platz, der übersät ist von Menschenmassen. Wir reihen uns ein, und ich warte gespannt, was als nächstes passiert. Plötzlich kommt ein riesengroßer, voll beladener Lastwagen um die Ecke – ich traue meinen Augen kaum, bis oben hin gefüllt mit den herrlichsten Tannen.

Deshalb die Aufregung. Ich soll endlich einen eigenen Baum bekommen. Damit das Schimpfen aufhört, wenn ich im Garten mein Bein hebe. Aufgeregt springe ich herum. Will meinem Herrchen danken. Doch der hat keine Zeit für mich. Klar, er will den schönsten Baum für mich ergattern. Ich würde ihm ja gerne helfen, aber schon hat ein völlig chaotisches Greifen, Zerren und Streiten begonnen. Meine Güte, ich hätte nicht gedacht, daß es so viele Hundebesitzer gibt, die ihrem Hund heute eine Freude machen wollen.

Von einem normalen Abladen der Fichten kann jedenfalls keine Rede sein. Sie werden einfach auf uns herab geworfen, da der LKW jetzt völlig eingekesselt ist. Mit Kampfspuren an Kleidung, Gesicht und Händen, aber strahlend, kann Herrchen endlich einen ergattern, und wir verlassen fluchtartig den Platz. Fröhlich tänzelnd laufe ich neben ihm zum Auto und begutachte das gute Stück. Na ja, nicht gerade der Schönste, aber für meine Zwecke reicht er vollkommen aus.

Zu Hause angekommen, springe ich aus dem Auto, laufe aufgeregt in den Garten und überlege mir, welches der schönste Platz für meinen Baum sein könnte. Ich will ihn unbedingt direkt ausprobieren!

Aber nein, was macht er denn jetzt? Herrchen marschiert geradewegs ins Haus hinein. Und damit nicht genug, er geht ins Wohnzimmer. Will er ihn etwa verheizen? Aber doch nicht so, an einem Stück. Ist er jetzt total verrückt geworden? Oh weh, ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Wenn Frauchen das sieht, dann ist er dran!

Da alles ruhig bleibt, luge ich vorsichtig um die Ecke und traue meinen Augen kaum: Arm in Arm stehen beide lächelnd vor dem Baum, der jetzt in so einem komischen Eisending steckt und Frauchen sagt:“ Er ist wunderschön! Jetzt kann ich es kaum erwarten!“

Na gut, wenn das so ist, dann will ich sie mal nicht warten lassen. Offensichtlich soll ich von nun an hier drinnen mein Geschäft machen. Ob sie das auch bis ins Detail durchdacht haben? Aber was solls, es passt zu ihrem merkwürdigen Verhalten seit ein paar Wochen. Mir soll es Recht sein. Ich verstehe bloß nicht, warum sie dann damals, als ich noch klein war immer so hinter mit her waren, damit ich schnell genug draußen bin. Hätten sie doch gleich einen Baum hinstellen können. Na, dann will ich ihn mal ausprobieren. Also irgendwie stört ja dieses Eisending, aber ich krieg das schon hin. Ich muß nur das Bein hoch genug anheb... „Baaaaaaarryyyyyyy, pfuiiiiiiiiiiiiii!!!!!!!!!“ Ich zucke zusammen und habe das Gefühl, daß mir mein Trommelfell platzt. Scheinbar habe ich da etwas gehörig missverstanden...

Da es wohl besser ist, wenn ich mich unsichtbar mache, sprinte ich aus dem Zimmer und tue so, als wäre ich gar nicht da. Aber natürlich werde ich wachsam bleiben, wer weiß, was heute sonst noch alles passiert.

Jetzt bin ich fast ein Dreiviertel Jahr alt, aber so viel Durcheinander hat es in diesem Haus wirklich noch nicht gegeben. Den ganzen Tag schon laufen alle aufgeregt hin und her und flüstern miteinander. Angefangen hat der ganze Zauber ja schon vor ein paar Wochen. Seitdem stehen überall Kerzen, es läuft Musik, die ich noch nie gehört habe, und Frauchen summt immer wieder lächelnd mit. Sie bastelt mit den Kindern so merkwürdiges Zeug, an dem man prima herumkauen könnte. Stattdessen hängen sie jedoch so viel davon an die Fenster, dass ich kaum noch hinaussehen kann, ob Nachbars Katze sich mal wieder in unseren Garten verirrt...

Irgendwann haben die Kinder sogar ihre Schuhe geputzt – freiwillig!!! Ob das vielleicht an den Geschichten liegt, die ihre Mama ihnen jetzt häufiger vorliest?

Aber das aufregendste war der große dicke Mann, der eines Abends vor der Tür stand. Ich hatte noch nie einen Menschen in solch einem Aufzug gesehen. Und dann dieser Bart. Er hat wohl geglaubt, ich merk nicht, das der nicht echt war. Als ich dann noch den Sack entdeckt habe, den er stümperhaft hinter seinem Rücken verstecken wollte, war für mich alles klar. Der Lump hatte es auf unsere Habseligkeiten abgesehen und wollte sie mit dem Sack wegschleppen. Zur Ablenkung für mich hatte er sogar einen Zweig mitgebracht und wedelte damit in der Luft herum. Wenig beeindruckt davon hab ich meine Pflicht erfüllt und erst mal eine Warnung ausgesprochen. Und was macht Herrchen? Schimpft doch glatt mit mir, schickt mich in meine Ecke und sagt, ich solle unseren „Gast“ gefälligst nicht anknurren. Aber irgendetwas muß mein Einsatz gebracht haben, denn anstatt von uns was mitgehen zu lassen, hat der Typ unseren Kindern aus dem Sack was geschenkt. Wahrscheinlich von seiner letzten Diebestour. Die Kleinen haben sich offensichtlich gefreut, und das war mir Lob genug...

Während ich so daliege und meinen Gedanken nachhänge, waren meine Menschen nicht untätig. Jetzt steht der Baum nicht mehr einfach nur prächtig und grün mitten im Zimmer und nimmt viel Platz weg, sondern sie fummeln auch noch an ihm rum. Hängen Glaskugeln dran. Und das ganze Bastelzeug, dass nicht mehr an die Fenster gepasst hat. Derweil ruft die Kleinste aus ihrem Kinderzimmer: “ Mama, wann zünden wir denn den Baum an?“ „Gleich mein Schatz,“ kommt die prompte Antwort, „ jetzt dauert es nicht mehr lange.“

Augenblicklich bin ich wieder hellwach. Also jetzt reicht es. Baumanzünden in der Wohnung! Was zuviel ist, ist zuviel! Mit zwei Sätzen springe ich zum Baum, stelle mich davor und mache mich so groß es geht. Ha, es scheint zu wirken. Sie sind irgendwie erstaunt und halten inne. Doch plötzlich fangen sie an zu lachen. Ob der Bann wohl gebrochen ist? Herrchen hockt sich zu mir und krault mir die Ohren: “Also für Barry muss das alles schon sehr eigenartig sein.“

Eigenartig? Das ich nicht lache, ich habe das Gefühl, das ich hier zur Zeit der einzig vernünftige Mensch bin. „Ich denke, ich gehe noch eine Runde mit ihm ums Haus. Du kommst doch jetzt auch alleine klar, oder?“ Klar kommt sie klar, einen Baum anzünden kann doch jedes kleine Kind! Im Gegensatz zu mir, scheint Herrchen jedoch den Ernst der Lage mal wieder nicht zu erkennen und zieht mich schnurstracks zur Tür hinaus. Beleidigt trotte ich hinterher. Einmal draußen, vergesse ich schnell meine Sorgen und tobe mit ihm über die Wiese.

Doch da kriege ich schon wieder einen tüchtigen Schreck - was ist das? Irgend jemand bewirft uns mit weißen Kügelchen. Aufgeregt springe ich hin und her und versuche ihnen auszuweichen. Herrchen versteht das jedoch völlig falsch. „Ja Barry, das soll dir wohl gefallen, es schneit, pünktlich zum Heiligen Abend. Bleib noch ein wenig im Garten und spiel mit den Flocken, ich hole dich später rein. Du wirst dich wundern, denn heute ist ein ganz besonderer Abend.“ Ach weißt du, hätte ich am liebsten geantwortet, mich wundert heute gar nichts mehr...

Als ich dann hinein gerufen werde, gehe ich fast auf Pfotenspitzen ins Haus, angespannt bis in die Schwanzspitze, was mich wohl als nächstes erwartet. Vorsichtig nehme ich Witterung auf, kann aber außer einem leckeren Geruch aus der Küche noch keinen Brandgeruch feststellen. Statt dessen stehen alle außer Frauchen schön schick angezogen vor der geschlossenen Wohnzimmertür und warten. Worauf denn nur?

Da höre ich ein Klingeln und in meiner Phantasie ist es die Feuerwehrsirene. Doch wahrscheinlicher war es wohl das Kommando einzutreten. Denn wie auf ein Solches öffnen die Kinder die Tür und ich traue meinen Augen nicht: ja, der Baum brennt wirklich! Aber - er sieht wunderschön dabei aus. Alles an ihm glänzt und glitzert. Er scheint über und über zu strahlen und zu leuchten. Die Glaskugeln blinken und glimmern im Licht des Feuers, und es ist so wunderschön, dass ich einfach hin starren muß. Während ich so dastehe und starre, beginnen meine Menschen zu singen. Und jetzt glänzen auch ihre Augen.

Jetzt weiß ich, das sie nicht verrückt geworden sind. Das die letzten Wochen diesem Abend dienten, diesem Glanz in ihren Augen. Als mein Herrchen sich dann hinsetzt und aus einem Buch vorliest, versuche ich ganz gespannt zuzuhören, denn irgendwie wird mir klar, daß diese Geschichte alle Rätsel der letzten Wochen lösen könnte. Einiges davon erkenne ich sogar wieder. Darum ging es auch in den Geschichten, die Frauchen den Kindern vorgelesen hat und in den Liedern, die sie mit ihnen sang: von einem Baby in einer Scheune, einem leuchtenden Stern, von Hirten und Schafen...

Verstehen tue ich nichts von all dem, aber den Frieden, der von der Geschichte ausgeht, spüre ich ganz deutlich – und kann mich endlich beruhigt und sehr, sehr müde am Fuß dieses strahlenden Wunderbaumes einrollen.

SK 2004

WEBSITE BOOSTING Nr. 07-08/2018  - Seite 78

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