Ein Seelöwenbaby verändert das Programm und schärft das Bewusstsein

Die Seelöwen des Kölner Zoo ziehen das Publikum an. Das kleine, wie das große. Was an diesen Tieren so sehr fasziniert ist schnell ergründet: sie pflegen sich durch ihre Selbstdarstellung so perfekt in Szene zu setzen, dass der Zoobesuch kurzzeitig zum Zirkusersatz mutiert. Das weckt zwar auch Belustigung, aber ungleich mehr Faszination.

 

Sie machen aus ihrem Gehege eine Bühne: den 120 Jahre alten Felsen zur Kulisse, das tiefblaue, glitzernde Wasser zum Vorhang, sich selbst zu Schaustellern.

 

Freiwillig. Ohne einen Dompteur, ohne ihre Pfleger, die sicher noch das ein oder andere Kunststückchen aus ihnen heraus locken könnten, aber welche man heute vergeblich erwartet, denn heute fällt die einstudierte Show aus.

 

Aus gutem Grund und aus freudigem Anlass: Gorli, eine der Seelöwenkühe befindet sich im Wochenbett, sie hat vor drei Tagen entbunden. Eine komplikationslose Geburt über Nacht. Ein gesundes Junges erweitert nun die Kölner Gruppe. Natürlich kein Neutrum und doch noch Namenlos, denn die Geschlechtsbestimmung kann noch nicht vorgenommen werden. Der Tierpfleger Klaus Heise lässt Mutter und Kind ihre Ruhe, bevor er wissen wird, ob eine kleine Goja oder ein kleiner Gonza die Gruppe ergänzen. Eine verdiente Ruhe, die ebenfalls den Ausfall der Vorstellung einschließt und erklärt.

 

Und die auch die gesamte Gruppe erfasst hat. Ist man doch sonst einen recht großen Lärmpegel am Seelöwenbecken gewöhnt, hört man heute nicht so intensiv wie sonst schon Hundert Meter entfernt das charakteristische Bellen der lebenslustigen Tiere. „Es ist fast wie eine andächtige Ruhe, seit das Baby da ist,“ so Heise, der im Gespräch über „seine“ Löwen auch mehr als einmal das „enge soziale Gefüge“ der Tiere untereinander hervorhebt, die im lockeren Familienverband miteinander leben:

 

Der „Haremsvater“ Yumni, zwei Kühe mit ihren Heranwachsenden und dann ist da noch Möhrchen, eine mit ihren 27 Jahren schon äußerst betagte, alte Dame. Weiß man, dass Seelöwen in der Obhut eines Zoos ca. 30 Jahre alt werden können, staunt man nicht schlecht über ihren immer noch so eleganten Elan, mit dem sie ihre Runden im Becken dreht.

 

Und doch kann der schöne Schein schnell trügen, wenn es beginnt zu menscheln in der kleinen Seelöwenkolonie. Wenn eine andere Kuh „Adoptionsgelüste“ an den Tag legt. Etwa aus Eifersucht, weil sie selber jahrelang keinen Nachwuchs hatte und deshalb vermutlich „ihre Hormone mit ihr durchgehen“, so Heise. Der aber gleich darauf sehr verständnisvoll schildert, dass es für die anderen Damen in der Gruppe manchmal eben schwierig sein könne den Nachwuchs einer Kuh zu akzeptieren, wo sie selber bereits so lange vergeblich darauf „gewartet haben“ oder wegen ihres Alters gar nicht mehr in der Lage seien zu empfangen.

 

Möhrchen ist dafür eine Kandidatin. So hat sie das letzte Seelöwenbaby Anton versucht zu täuschen, indem sie die Laute und Lockrufe der leiblichen Mutter Astrid nachgeahmt hat, was sich diese natürlich nicht bieten lassen konnte. Solcher Art Rivalisierung kann zu Verletzungen der Kühe untereinander führen und wäre in letzter Konsequenz sogar mit dem Tod des Jungtieres zu bezahlen, da eine nicht frisch entbundene Kuh, die nicht laktiert auch nicht in der Lage wäre ein Junges zu säugen.

 

Derartiges geschieht in freier Wildbahn kaum, aber die Pfleger sind darauf vorbereitet und beobachten die Mutter mit ihrem Nachwuchs etwa ein halbes Jahr sehr aufmerksam und separieren im Zweifelsfall einige Zeit die verhaltensgestörte Pseudomutter vom Rest der Gruppe.

 

Nach etwa sechs Monaten, wenn das Jungtier abgestillt ist und erstmals Fisch zu sich nehmen kann, ist die Gefahr gebannt und der vollen Integration in die Gruppe steht nichts mehr entgegen. Auch die menschliche Konditionierung des jungen Artgenossen kann dann vorangetrieben werden. Die ihren Ausdruck zwar in den Shows für die Besucher findet, aber deren Grundlage eine andere ist.

 

Sieht man fertig ausgebildete Seelöwen, die mit einer Leichtigkeit Bälle und sogar große Puppen jonglieren und viele andere Kunststücke vorführen, mag man kaum glauben, dass es einiger Ausdauer bedarf, sie daran zu gewöhnen Menschen überhaupt unvoreingenommen zu begegnen. „Die ganze Sache hier ist auf gegenseitigem Vertrauen aufgebaut“, so Heise, der sich denn auch so selbstverständlich in dem Gehege der Seelöwen bewegt, als sei dies sein Wohnzimmer.

 

„Ohne gegenseitige Akzeptanz“ könne man keine Untersuchungen beispielsweise bei Zahnbeschwerden an ihnen vornehmen. Gewöhnt an das entsprechende Kommando „reißen die Tiere jedoch unproblematisch ihr Maul auf und der Behandlung steht nichts im Wege“.

 

Davon sieht man heute leider nichts. Lediglich eine Fütterung in kleinem Rahmen findet statt, bei der etwas auffällt: eine der Kühe wird in einem Käfig gefüttert. Heise erklärt, dass sie schon seit einiger Zeit an diesen gewöhnt werde, da bald ein Transport für sie ansteht: Antje ist an den Gelsenkirchener Zoo verkauft worden, wird also in naher Zukunft ihr nasses Zuhause für gewisse Zeit verlassen müssen und eine Erlebnisreise auf vier Rädern antreten. Ein kein allzu großes Abenteuer, wie Heise betont. Der Jungbulle Attila hat im vergangenen Jahr sogar einen Flug nach Moskau in den dortigen Zoo unbeschadet überstanden. Demgegenüber wird Antje nur eine LKW Tour hinter sich bringen müssen.

 

Und auf diese Fahrt nimmt sie ein süßes Geheimnis mit. Denn nach einigen erfolglosen Anläufen, ist sie endlich von Yumni begattet worden. Aber ob sich ein Junges eingenistet hat, weiß man erst in einigen Wochen. Dann, wenn der Gelsenkirchener Zoo Antje bereits unter seinen Fittichen hat und sich vielleicht glücklich schätzen kann, eine „kostenlose Zugabe ergattert“ zu haben, wie Klaus Heise verschmitzt verrät.

 

Wie sie so da liegt, auf einem der Podeste und sich in der warmen Mittagssonne räkelt, mit sich und der Welt zufrieden, will man es ihr bereits fast ansehen und vor allem wünschen, dass sie „guter Hoffnung“ ist.

 

„Die Robbe will braun werden...“, Michi, 5 Jahre erklärt ihrer kleinen Schwester Julia, 2 Jahre, die im Buggy neben ihr sitzt, stolz was sie bereits über ihre Lieblingstiere des Zoos weiß.

 

Und wirklich, so wie Antje ihren Oberkörper reckt und streckt, als würde sie Dehnübungen nach einem langen Lauf machen, wie sie ihn nun in den Nacken zurücklegt und ihre mit Wassertropfen benetzten Barthaare in der Sonne glitzern, sieht es so aus, als genieße sie jeden einzelnen Sonnenstrahl auf ihrer schimmernden Haut.

 

Ihr Lieblingsplatz, wie es scheint, denn genau da wo sie ihren Körper räkelt, ist der Stein abgewetzt und schimmert blitzeblank mit ihrer seidigen Haut um die Wette.

 

Ein keckes Bellen, lässt sie ihr Sonnenbad unterbrechen und schlangengleich gleitet ihr massiger Körper unter Wasser in die Richtung des Geräuschs. Mittlerweile haben sich etliche Besucher am Gehege eingefunden. Die Vorführzeiten sind bekannt und beliebt und die potentiellen Zuschauer strömen herbei.

 

Haben die Seelöwen die Zeiten im Blut? Verknüpfen sie die erwartungsvollen Menschen mit dem gewohnten Geschehen? Oder setzen sie sich einfach nur noch lieber in Szene, wenn sie eine angemessene Publikumszahl wahrnehmen...

 

Wer wollte sie fragen? Wem würden sie antworten? Und ist es nicht zweitrangig, wo sie so ein erhabenes Bild abgeben, wie sie freiwillig auf ihren Aluminiumpodesten lässig und cool verharren, einen mal kurzen, mal längeren kessen Blick in die Runde werfen, um gleich darauf unvermittelt wieder ins Wasser zu springen und weiter ihre Bahnen zu ziehen.

 

Über Wasser und tauchend. „Nein, die ertrinken nicht, du brauchst keine Angst zu haben“ spricht Michi ihrem Schwesterchen Mut zu, den sie scheinbar selber dringend nötig hat, schaut sie doch etwas ängstlich zu ihrer Mutter, um einen bestätigenden Blick zu erhaschen.

 

Diese kniet sich zu ihren beiden kleinen Verhaltensforscherinnen und erklärt, dass die Seelöwen bis zu 15 Minuten tauchen können, „das ist so lange, wie wir zu Fuß bis zu deinem Kindergarten brauchen, mein Schatz.“ Große Augen sind die Antwort. Erleichterung ist darin zu lesen und Bewunderung. „Boah, sooo lange? Das würde ich auch gerne können...“

 

Keinerlei Enttäuschung über die ausgefallene Vorführung. Die Tiere an sich sind das Ereignis, das womit die Natur sie ausgestattet hat. Und so gewährt der Zoobesuch den Kleinen für einen Moment den Blick in eine andere Welt, in die Welt der Wildnis, die doch kaum einer der Besucher jemals wird betreten können.

 

Und wieder ist da dieses Gefühl, als wüssten Astrid, Antje, Anton, Mohrrübchen und die anderen um ihre wichtige Aufgabe, etwas von ihrer Lebensfreude live zu vermitteln und schultern sie mit viel Witz, aber mit genauso viel Würde.

 

Machen keine Show, sondern sind die Show. Und jedem der sich über ihren etwas unbeholfenen Gang an Land lustig macht, den sie mit ihren im Verhältnis zum massigen Körper relativ kleinen, aber kräftigen Hinterbeinen bewerkstelligen, möchte man entgegnen: sieh dir mal zu wie du schwimmst...

 

Denn je näher sie dem Wasser kommen, desto mehr geraten sie in ihr Element. Setzen ihren Bauch als körpereigene Rutsche ein, der ihnen ein müheloses Gleiten über den Beton ermöglicht. Hinein in das blau schimmernde Wasser, welches sie so ergonomisch verdrängen, dass es sie ohne einen wahrnehmbaren Spritzer aufnimmt.

 

Wüsste man nicht, dass es die kaum wahrnehmbaren Bewegungen der vorderen Flossen sind, die ihren Anschub gewährleisten, man könnte glauben, sie seien ferngesteuert. Kaum wahrnehmbare Bewegungen, die mehr an fliegen, als an schwimmen erinnern. Zaubern sich in dem einen Moment fontainengleich durchs Wasser, um sich im nächsten Moment verträumt entspannt und gedankenverloren an einer der Vorderflossen knabbernd auf dem Rücken gleiten zu lassen.

 

Und das man mit Seelöwenflossen auch winken kann, das weiß Michi natürlich längst, winkt ihnen zurück und ruft auf dem Weg zum Elefantengehege noch über die Schulter zurück: „Ich komm bald wieder und dann bring ich euch einen Fisch mit.“

 

next2unique

WEBSITE BOOSTING Nr. 07-08/2018  - Seite 78

Mein Name steht für die Liebe zum Wort -

und für ein Angebot, das nicht wahllos daherkommt, sondern wahlweise.

 

Bestimmt finden wir auch für Sie die passende Textur!

Schreiben Sie mir und ich schreibe für Sie.

Ihre Frau vom Wort!

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.



Und    weil    meine    Navigationsleiste    etwas    fürs    Köpfchen    ist         -       kommt    hier    noch    der    Footer    ganz    gemütlich    zu    Fuß    daher :-)


Post

Publikationen