Das Buch der Bücher?

Vor einiger Zeit erkannte mein Sohn, daß seine verschiedenen Kinderbibeln nicht im Wortlaut identisch übereinstimmten. Für ihn war jedoch klar, dass es, wenn die Bibel von Gott käme, nur eine einzige wahre Geschichte geben könne. Da dies nicht der Fall sei, sei die Bibel offensichtlich von Menschen ausgedacht worden. Seine logische Konsequenz an dem Abend: Gott existiert nicht!

Aus meiner Erklärung, daß die Kinderbibeln wegen des besseren Verständnisses auf die jeweiligen Altersgruppen zugeschnitten wären, die „Erwachsenenbibeln“ jedoch alle über einen nahezu gleichen Text verfügten, ergaben sich immer neue Fragen:

 

Wer hat den allerersten Text aufgeschrieben? Wie hat er das gemacht? Gibt es den noch? Woher wußte der denn was er schreiben sollte, hat Gott das diktiert? Das ist doch alles so lange her, woher können wir denn wissen, ob die Geschichten wirklich so passiert sind? Wer hat die Texte „gesammelt“?

 

Etwas beschämt stieß ich irgendwann mit der Beantwortung seiner Fragen an meine Grenzen. Und ich bemerkte, dass es teilweise meine eigenen Fragen waren, die er mir da stellte. Einige wenige Antworten versuche ich im Folgenden zu geben:

 

Die hebräische Bibel und die christlichen Versionen des Alten Testaments wurden zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten kanonisiert (zu den hl. Büchern gehörend). Dennoch ist unser Altes Testament in wesentlichen Zügen identisch mit der hebräischen Bibel des Judentums. Für diese wurde zunächst die Thora (die 5 Bücher Mose) vermutlich um 300 v. Chr. zum Ausgangspunkt ihrer hl. Schrift. Die zweite Stufe war die Kanonisierung der Nebiim (Propheten), gegen Ende des 3. Jahrhunderts. Schon ca. 180 v.Chr. hatte sich bereits die Idee einer dreiteiligen Bibel herausgebildet, wobei die Ketubim (Schriften) den dritten Teil ausmachten.Gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. hatten die Rabbiner in Palästina schließlich das allgemein verbindliche Verzeichnis des alttestamentlichenInhalts festgelegt.

Aber handelte es sich dabei um die sogenannte „Urbibel“?

Die Bücher des Alten Testaments sind weder alle zur selben Zeit, noch am selben Ort entstanden. Vielmehr sind sie das Produkt einer israelitischen Gesamtkultur, die sich über einen Zeitraum von etwa tausend Jahren immer wieder gewandelt hat. Man geht deshalb davon aus, dass fast alle Bücher einen langen Prozess der Überlieferung und ergänzenden Entwicklung durchliefen, bevor sie schließlich zur Sammlung der hebräischen Bibel zusammengefasst wurden.

Viele der heute vorliegenden literarischen Werke waren wohl zunächst mündliche Überlieferungen wie z. B. die meisten Geschichten des Buches Genesis oder die prophetischen Reden. Die Psalmen fanden demgegenüber im Rahmen des Gottesdienstes als Lieder zur Begleitung der Zeremonie Verwendung. Auch nach der Niederschrift existierte noch eine mündliche Überlieferung parallel zur schriftlichen über mehrere Jahrhunderte weiter, die vermutlich immer wieder auch auf den Textbestand der hebräischen Bibel zurückwirkte. Diese Entwicklung konnte natürlich nicht an jedem Ort und von jeder jüdischen Glaubensgemeinschaft (Essener, Sadduzäer, Pharisäer, Samaritaner u.v.m.) deckungsgleich vonstatten gehen.

Somit ist es nicht verwunderlich, daß zur Zeit Jesu von der Hebräischen Bibel mehrere Textausgaben nebeneinander existierten. Eindrucksvoll belegen dies die Funde der Qumranrollen, welche aus dem 3.Jh.v.Chr. bis 1.Jh.n.Chr. stammen. Deren Auswertung beweisen jedoch gleichzeitig, dass der Inhalt in allen Handschriften derselbe war. Das heißt, auch wenn die Texte nicht buchstabengleich waren, es also keine Urbibel im wörtlichen Sinne gab, so wird dadurch doch keine fundamentale Glaubensaussage verändert und die göttliche Botschaft bleibt dieselbe.

 

Warum aber finden wir dann im Mittelalter in erster Linie nur noch die sogenannten hebräischen Standardtexte der Masoreten, sowie die Septuaginta?

Zunächst zur Entstehung der Septuaginta, denn diese führt uns auch zur christlichen Kanonisierung des Alten Testamentes:

Im 3. Jahrhundert v. Chr. lebten mehr jüdische Menschen außerhalb Israels, als im heiligen Land selber. Allein in Alexandrien lebten 1.000.000 Juden. Die zusätzlichen Bücher des katholischen Alten Testamentes, aus der zwischentestamentlichen Zeit, die sogenannten Apokryphen (z.B. Jesus Sirach oder Tobit) entstanden zum größten Teil in den jüdischen Gemeinden außerhalb Palästinas. In dieser Epoche war griechisch, analog zum heutigen Englisch, Weltsprache. Hebräisch wurde demgegenüber von vielen nicht mehr verstanden. Wenn die Bibel für die Juden überhaupt noch eine Bedeutung haben sollte, dann mußte sie übersetzt werden.

Etwa um 250 v.Chr. soll deshalb zunächst die Thora in Alexandria von etwa 70 Gelehrten (daher der Name Septuaginta) in etwa 70 Tagen übersetzt worden sein. Nach und nach folgte dann bis um 130 v. Chr. die gesamte Übertragung der hebräischen Bibel, einschließlich der Apokryphen, ins Griechische. Die so entstandene Septuaginta wurde von den ersten Christen für ihre missionarischen Zwecke genutzt und die Kanonisierung des katholischen Alten Testaments war gegen Ende des 1 Jahrhunderts n. Chr. abgeschlossen.

 

Wie aber ging die Entwicklung des jüdischen Kanons weiter?

Die kriegerische jüdische Geschichte scheint dafür verantwortlich zu sein, dass wir heute über einen weitgehend standardisierten hebräischen, den sogenannten „masoretischen“ Text verfügen: mit dem ersten jüdischen Krieg ging der entscheidendenste und dramatischste Einschnitt für die jüdische Religion einher - im Jahre 70 n. Chr. zerstörten die Römer den Jerusalemer Tempel, seine Bibliothek und damit die Bibelabschriften.

Der geistliche Mittelpunkt war verloren gegangen. Die Rabbiner sahen sich nun gefordert, einen autoritativen hebräischen Text festzulegen. Die hebräische Vorlage der Septuaginta kam nicht in Frage, denn sie war nicht mehr nur Bibel des griechisch sprechenden Judentums, sondern auch die Bibel der ersten Christen der frühen Kirche, gegen die es sich ja gerade abzugrenzen galt. Neben den Christen überlebten als größere organisierte Gruppe des Judentums die Samaritaner und die Pharisäer. Da die Samaritaner lediglich den Pentateuch (5 Bücher Mose) anerkannten, wurde der Text der Pharisäer ausgewählt. Von nun an durfte nur noch die eine hebräische Bibelausgabe benutzt werden, alle anderen Textformen wurden unterdrückt, d. h. ein Abschreiben derselben oder die Heranziehung zu Korrekturzwecken war verboten. Diese war es dann, die etwa von 500 n. Chr. bis 1000 n. Chr. von den Masoreten gewissenhaft kopiert wurde. Jüdische Schriftgelehrte, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Bibel originalgetreu, also wortwörtlich und mit kaum vorstellbarer Genauigkeit abzuschreiben und weiterzugeben.

Auch Martin Luther griff für seine Übersetzung auf eine Reproduktion eines 1088 geschriebenen masoretischen Textes zurück. Er entfernte aus seinem Alten Testament all jene Bücher, die nicht in der jüdischen Bibel vertreten waren, und nannte sie Apokryphen. Dieser Schritt war ein Versuch, zum möglichst ersten und damit ursprünglichsten Text und Kanon zurückzukehren und so dem päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma, die Autorität einer älteren Bibelversion entgegenzusetzen.

 

Das Neue Testament besteht aus 27 verschiedenen Schriften, die zwischen 50 und 150 n. Chr. entstanden. Heute existieren etwa 5000 teils vollständige, teils fragmentarisch oder lediglich als Bruchstücke erhaltene Manuskripte des Neuen Testaments. Bei keinem dieser Dokumente handelt es sich jedoch um ein „Autograph“, also ein von den Verfassern selbst geschriebenes Original.

Das älteste Manuskript ist wohl ein Fragment des Johannesevangeliums, dessen Entstehungsdatum auf ungefähr 120 bis 140 n. Chr. geschätzt wird. Ein komplettes Neues Testament aus dem 4. Jahrhundert, der Codex Sinaticus ist im Britischen Museum erhalten. Wenn man die räumlichen und zeitlichen Unterschiede bei der Entstehung sowie die unterschiedlichen Schreibmethoden und -materialien bei der Anfertigung dieser Manuskripte berücksichtigt, so ist es höchst erstaunlich, wie sehr sich die einzelnen Schriften ähneln. Aber dennoch gibt es auch hier kein Neues „Urtestament“, sondern Abweichungen, wie Auslassungen und Zusätze sowie unterschiedliche Ausdrucksweisen sind die Regel.Und doch bleibt die Bibel das Wort des einen Gottes.

“Daraus aber den Rückschluss abzuleiten, daß es nur eine Fassung der Bibel geben dürfe, ist genauso falsch, wie zu denken, dass Gott nur einen Menschen damit anspricht.“ (Alexander Schick)

 

Die endgültige Festlegung des Kanons des Neuen Testaments dauerte wegen der großen Verbreitung und der schwierigen Kommunikation der ersten Christen sehr viel länger als die Festlegung des Alten Testaments. Letztlich galten jedoch etwa um 200 n. Chr. 20 der 27 Bücher des Neuen Testaments als allgemein anerkannt. Der 39. Festbrief des Athanasius, zur damaligen Zeit Bischof von Alexandria, wurde 367 n. Chr. an alle Kirchen gesandt. In diesem Festbrief, führte der Bischof jene 27 Bücher als kanonisch an, die noch heute den Inhalt des Neuen Testaments bilden. Die schnelle Verbreitung des Christentums über die Grenzen der Griechisch sprechenden Welt hinaus machte Übersetzungen in andere Sprachen erforderlich. Die Übersetzungen waren in lokalen Dialekten geschrieben und enthielten nur ausgewählte Teile des Neuen Testaments. 382 beauftragte Papst Damasus I. Hieronymus mit der Erstellung eines gemeinsamen Standards, einer lateinischen Bibel, der sogenannten Vulgata.

Das Ende der beschwerlichen Überlieferung der Bibel durch Abschreiben, wurde durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch die Gutenbergbibel markiert, die ihr Schöpfer Johannes Gutenberg 1456 vollendete.

 

Die Geschichte der Bibel ist letztlich Kirchengeschichte über Tausende von Jahren und kann hier kaum angekratzt werden. Was aber sage ich jetzt meinem Sohn auf die fundamentale Frage, wie Gott es angestellt hat, den Bibeltext zu diktieren?

 

War der heilige Geist der Hauptverfasser der Bibel, der die menschlichen Verfasser in der Auswahl seiner Ausdrücke geführt hat? Oder sind die Texte das Werk menschlicher Autoren, die sich ihrer eigenen Ausdrucksmöglichkeiten bedient haben und mit den Mitteln arbeiteten, die ihnen je nach Zeit und Milieu zur Verfügung standen? War es gar eine Mischung aus beidem?

 

Das Selbstzeugnis der Bibel führt mich zu einem Zirkelschluß, denn zitierte ich auch noch so viele Textstellen, so hieße das doch pragmatisch betrachtet letztlich nur: Die Bibel ist Gottes Wort, weil sie sagt, daß sie Gottes Wort ist! Genauso wenig kann ich die Bibel in erster Linie als fruchtbare Orientierungshilfe sehen und sie damit auf einen esoterischen Lebensberater zu reduzieren.

 

„Buchstäblich“ lesen hieße jegliches kritische Fragen und Forschen abstellen. Dies käme einer Selbstaufgabe des Denkens gleich, und warum sollte mir Gott gerade diese wichtige Fähigkeit gegeben haben, wenn ich sie ausgerechnet bei seiner Geschichte mit uns Menschen, nicht einsetzen dürfte.

Aber was mache ich, wenn Schrift und Vernunft in einem Widerspruch zueinander stehen? Bleibt dann die Bibel nur noch als eine Sammlung von geschichtlichen Dokumenten der Ursprünge der Kirche übrig? Nein, denn schon der kurze obige Abriß hat hoffentlich deutlich gemacht, daß gerade auch im geschichtlichen Charakter der biblischen Offenbarung , Gottes Geist und sein Wirken bei der Überlieferung seiner Schrift über Tausende von Jahren erkennbar wird.

 

Und da ist es wieder, „seine Schrift“. Der Text der Bibel übt eine Autorität auf mich aus, die ich nicht manipulieren kann und will! Mir geht es letztlich nicht mehr darum, ob Menschen vom Wort Gottes inspiriert waren, sondern mir ist klar geworden, daß sich das Wort Gottes im Werk menschlicher Autoren ausgedrückt hat. Um Ermutigung und Einladung zu sein, um Glauben zu wecken, zu stärken, zu trösten u.s.w. All dies habe ich schon erfahren. Wenn ich mich frage, wann mir in meinem Glaubensleben pure Fakten weitergeholfen haben, dann fällt mir kaum etwas ein. Meine Erfahrungen mit Gott und seinem Wort aber sind Meilensteine in meinem Leben.

Landesbischof Gerhard Meier hat einmal gesagt: „ Die Erfahrung kann als ein Zeugnis für die Schriftautorität dienen, sie ist jedoch nicht als Glaubensfundament geeignet.“ Für das Glaubensfundament der Christenheit mag das stimmen, für mein persönliches Glaubensfundament reicht es jedoch sehr wohl aus.

 

Ganz ohne ein Bibelwort komme ich dabei für meinen Sohn und letztlich auch für mich aber doch nicht aus, denn so wie die Bibel das bestüberlieferte Buch der gesamten antiken Weltliteratur ist, so „dürfen wir staunend sehen, wie Gott über sein Wort gewacht hat!“(Jeremia 1, 12)

 

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